Reichsbürger-Treffen in Greiz: Kaisertreue Parallelwelt kommt nach Ostthüringen

Am 4. Juli soll in Greiz das nächste sogenannte „Große Treffen der 25+1 Bundesstaaten“ stattfinden. Die Veranstaltung gehört zu einer seit 2023 durch verschiedene deutsche Städte ziehenden Reihe von Zusammenkünften aus dem Reichsbürger- und Selbstverwalter-Milieu. Frühere Treffen fanden unter anderem in Dresden, Schwerin, Gera, Karlsruhe und zuletzt im April 2026 in Braunschweig statt.

Die Bezeichnung „25+1 Bundesstaaten“ bezieht sich auf die 25 Bundesstaaten des Deutschen Kaiserreichs sowie das ehemalige Reichsland Elsaß-Lothringen. Die Teilnehmer vertreten die Auffassung, das Deutsche Reich bestehe rechtlich fort oder seine Verfassung von 1871 müsse wiederhergestellt werden. Die Bundesrepublik Deutschland wird von ihnen als illegitim dargestellt oder grundsätzlich nicht anerkannt.

Werbeflyer Reichsbürgerbums in Greiz
Werbeflyer für die Reichsbürgerversammlng in Greiz (Telegram)

Die Veranstaltungen folgen einem festen Muster: Anhängerinnen und Anhänger reisen als Vertreter vermeintlicher „Königreiche“, „Fürstentümer“ oder „Herzogtümer“ an, tragen historische Fahnen und inszenieren eine Art symbolisches Treffen der alten Bundesstaaten. Verfassungsschutzbehörden ordnen diese Treffen dem extremistischen Reichsbürger-Milieu zu und bewerten sie als Versuch, die Szene öffentlich sichtbarer zu machen und neue Anhänger zu gewinnen.

Dabei handelt es sich keineswegs nur um nostalgische Geschichtsdarstellung. Bei vergangenen Treffen wurden antisemitisch konnotierte Verschwörungserzählungen über eine angebliche „Neue Weltordnung“, den sogenannten „tiefen Staat“ oder eine vermeintlich illegitime Bundesrepublik verbreitet. Beobachter dokumentierten zudem Bezüge zur Querdenken-Bewegung, zu QAnon-Erzählungen sowie offen zur Schau gestellte Sympathien für Wladimir Putin und sein Regime. Immer wieder vertreten Redner bei den Veranstaltungen auch klar geschichtsrevisionistische Positionen. Mehrere Verfassungsschutzbehörden weisen seit Jahren auf die Bedeutung und Gefährlichkeit solcher Vorstellungen innerhalb des Reichsbürger-Milieus hin.

Besondere Bedeutung erhält das Treffen in Greiz durch den Bezug zur Familie Reuß. Das Vogtland und Ostthüringen gelten innerhalb der Reichsbürger-Szene als symbolisch aufgeladene Region. Das sogenannte „Fürstentum Reuß ältere Linie“ wird von Teilen der Szene als historischer Bezugspunkt betrachtet. Zugleich steht der Name Reuß seit der Aufdeckung der mutmaßlichen Umsturzpläne um Heinrich XIII. Prinz Reuß bundesweit für die gefährlichste Radikalisierung des Reichsbürger-Milieus. Gegen mehrere mutmaßliche Mitglieder der Gruppe laufen weiterhin umfangreiche Terrorismusverfahren.

Frank Haußner bei der Compact-Sommerfest Ersatzveranstaltung 27.07.2024 in Gera
Rechtsextremist Frank Haußner (CC BY-SA 4.0 – Dirk Bindmann – Frank Haußner bei Compact Sommerfest Ersatzveranstaltung 27.07.2024)

Die Reichsbürger-Szene verfügt in Ostthüringen seit Jahren über aktive Strukturen. Beim Bundesstaatentreffen in Gera im April 2024 kamen nach Angaben der Polizei rund 1.000 Menschen zusammen, die Veranstalter sprachen sogar von deutlich höheren Zahlen. Unter den Teilnehmenden befanden sich auch bekannte Akteure aus der Region. Dazu zählte unter anderem Frank Hausner aus Zeulenroda-Triebes, der sich öffentlich als Unterstützer von Heinrich XIII. Prinz Reuß positionierte und bis heute mit den Gruppen „Patrioten Ostthüringen“ sowie „Freies Thüringen“ rechtsextreme und verschwörungsideologische Proteste in Ostthüringen aktiv prägt. Sichtbar waren zudem verschiedene lokale Initiativen und Netzwerke aus dem Spektrum der sogenannten Corona-Proteste, darunter Akteure der teils dem AfD-Umfeld zugerechneten, rechtsextremen „Miteinanderstadt Gera“ oder auch aus der rechtsextremen Gruppe „Freie Greizer“. Die Wahl von Greiz als Veranstaltungsort knüpft damit nicht nur an die symbolische Bedeutung des historischen Fürstentums Reuß an, sondern auch an bestehende Netzwerke und Mobilisierungspotenziale der verschwörungsideologischen und demokratiefeindlichen Szene in Ostthüringen.

Die Treffen der „25+1 Bundesstaaten“ zeigen damit, dass die Reichsbürger-Szene längst nicht nur aus einzelnen, vermeintlich verwirrten Exzentrikern besteht, die staatliche Dokumente ablehnen oder Fantasieausweise benutzen. Die Veranstaltungen schaffen einen bundesweiten Vernetzungsraum für ein Milieu, das demokratische Institutionen grundsätzlich infrage stellt, Verschwörungserzählungen verbreitet und deutliche Überschneidungen mit rechtsextremen Positionen aufweist – bis hin zu gewaltbereiten und terroristischen Strukturen.

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